Nichts.
„Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld übrig?“, fragte sie.
Ihre Stimme war nicht schrill. Sie klang nicht flehend. Sie war leise und abgenutzt, als ob sie nicht um ein Wunder bat, sondern nur prüfen wollte, ob es in der Welt noch Güte gab.
„Es tut mir leid“, sagte ich, die Worte kamen wie aus der Pistole geschossen und entglitten ihr schon, als ich auf die Türen zuging.
Aber ich bin nicht hineingegangen.
Etwas hielt mich mitten im Schritt fest, wie eine Hand an meinem Mantel. Ich drehte mich leicht um und sah sie deutlicher, sah sie wirklich.
Es war nicht nur der dünne Pullover oder die schmerzenden Knöchel, die die Kälte aufgeraut hatte. Es war ihr Gesicht. Sie sah müde aus, ja, aber nicht zerstreut. Nicht panisch. Ihre Augen waren ruhig, aufmerksam, fast wachsam, als studiere sie die Menschen wie eine Flussströmung. Messend. Nicht um Mitleid bettelnd.
Ich spürte den Wind erneut schneiden, so heftig, dass es stach, und der Gedanke traf mich mit plötzlicher Klarheit: Es ist eiskalt. Du fühlst dich unwohl und trägst mehrere Schichten Kleidung. Sie hat fast nichts an.
Ich würde sowieso zehn Minuten später auf den Bus warten. Zehn Minuten Zittern würden mich nicht umbringen.
Bevor mein Verstand anfangen konnte zu protestieren, öffnete ich meinen Jackenreißverschluss und schüttelte sie ab.
Die Luft traf sofort meine Arme, und ich schnappte nach Luft, aber ich überwand es und hielt ihr die Jacke entgegen wie ein Opfer, das ich nicht in Erwägung ziehen wollte.
„Du solltest das nehmen“, sagte ich. „Zumindest bis es wärmer wird.“
Sie blinzelte erschrocken, als hätte sie nicht erwartet, dass sich die Szene verändern würde. Als hätte sie eine Frage gestellt und eine Antwort aus einem anderen Universum erhalten.
„Ich konnte nicht“, sagte sie, und in ihrer Stimme klang echtes Zögern, nicht die Art von Zögern, die man an den Tag legt, wenn man zum Nachhaken gedrängt werden soll.
„Das kannst du“, antwortete ich. „Ich habe einen Schal. Ich werde es überleben.“
Die Jacke fühlte sich in meinen Händen schwerer an als je zuvor auf meinen Schultern. Mir wurde – auf diese seltsame Art, wie man Dinge manchmal erst zu spät erkennt – klar, dass ich diese Jacke mochte. Sie saß gut. Ich fühlte mich darin gepflegt. Ich sah darin so aus, wie ich von meinen Kollegen respektiert werden wollte.
Dennoch blieben meine Arme ausgestreckt.
Langsam griff sie danach. Ihre Finger waren blass und kalt, und als sie meine berührten, fühlte es sich an wie Eis. Sie zog die Jacke an ihre Brust, umarmte sie einen Moment lang, bevor sie erst einen Arm, dann den anderen in die Ärmel schlüpfte.
Der Anblick schnürte mir die Kehle zu. Nicht, weil sie plötzlich wie verwandelt aussah, nicht, weil es ein dramatischer Moment der Erlösung war. Sondern einfach, weil es stimmig wirkte. Als ob Wärme zu einem Körper gehören würde. Als ob sie keine so seltene Gabe sein sollte.
Sie schaute zu mir auf.
Dann lächelte sie.
Es war nichts Großes. Es verlangte nichts. Es war klein und echt, jene Art von Lächeln, die sich einstellt, wenn man von Anstand überrascht wird und nicht weiß, wie lange es anhalten wird.
Sie drückte mir etwas aus ihrer Handfläche in die Hand.
Eine Münze.
Rostig, alt und schwerer als es hätte sein sollen. Es hinterließ einen schwachen rötlichen Fleck auf meiner Haut.
„Bewahr das auf“, sagte sie. „Du wirst wissen, wann du es brauchen wirst.“
Ich runzelte die Stirn und drehte das Ding zwischen den Fingern. Es sah nicht wertvoll aus. Eher wie etwas, das man unter einem alten Heizkörper oder ganz unten in einer Schublade finden würde.
„Ich glaube, du brauchst es dringender als ich“, sagte ich.
nächste



